Warum Aktivierung bei ME/CFS und Post Covid schaden kann
Bei ME/CFS und Post Covid kann Belastung den
Zustand verschlechtern statt verbessern.
Ursache ist häufig PEM – eine Belastungsintoleranz,
bei der der Körper Aktivität nicht mehr normal verarbeiten kann.
Bei vielen Erkrankungen gilt Bewegung als hilfreich.
Sie stabilisiert. Kräftigt. Reguliert.
Bei ME/CFS und Post Covid kann genau das jedoch zum Problem werden.
Denn der Körper reagiert hier oft nicht mit Aufbau –
sondern mit Verschlechterung.
Was früher Kraft gegeben hat, kann plötzlich zu viel sein.
Und genau das macht diese Erkrankungen so schwer verständlich –
für Betroffene, für Angehörige und oft auch medizinisch.
Warum Aktivierung normalerweise sinnvoll ist
Bei vielen körperlichen oder psychischen Erkrankungen
hilft Aktivierung tatsächlich.
Bewegung kann den Kreislauf stabilisieren, Stress reduzieren
und Regeneration fördern.
Deshalb lautet ein häufiger Rat:
„Langsam wieder steigern.“
„Der Körper muss sich daran gewöhnen.“
„Bewegung tut doch gut.“
Für gesunde Systeme ist das oft nachvollziehbar.
Warum ME/CFS anders reagiert
Bei ME/CFS besteht häufig eine Belastungsintoleranz.
Das bedeutet:
Der Körper kann Belastung nicht mehr normal verarbeiten.
Aktivität führt dann nicht automatisch zu Anpassung oder Aufbau –
sondern kann das System zusätzlich destabilisieren.
Das zentrale Leitsymptom dabei ist PEM.
Schon geringe Belastung kann zu deutlicher Verschlechterung führen.
Zu Erschöpfung. Schmerzen. Kreislaufproblemen. Reizüberforderung.
Oder tagelangen Rückschritten.
Warum das so schwer zu verstehen ist
Das Schwierige daran:
Die Reaktion tritt oft nicht sofort auf.
Viele Betroffene fühlen sich während der Aktivität noch relativ stabil –
und brechen erst später ein.
Dadurch entsteht schnell der Eindruck:
„Es ging doch.“
„Dann kann es ja nicht so schlimm sein.“
Doch genau diese zeitverzögerte Reaktion macht PEM so tückisch.
Wenn Aktivierung zur Abwärtsspirale wird
Viele Betroffene geraten anfangs in einen typischen Kreislauf.
Ein etwas besserer Tag. Etwas mehr Aktivität. Hoffnung auf Fortschritt.
Und kurz darauf:
Überlastung. Crash. Rückzug.
Dann folgt oft eine kurze Stabilisierung –
bevor der nächste Versuch beginnt.
Dieses Muster wird häufig als Push-Crash-Zyklus beschrieben.
Das Problem dabei ist nicht fehlender Wille.
Sondern, dass das Nervensystem keine echte Stabilität mehr bekommt.
Warum „Durchhalten“ problematisch werden kann
Viele Menschen mit ME/CFS waren vor der Erkrankung leistungsfähig,
aktiv oder sehr belastbar.
Gerade deshalb fällt es oft schwer, den eigenen Grenzen zu vertrauen.
Der Impuls lautet häufig:
Weitermachen. Durchhalten. Sich zurückkämpfen.
Doch genau dieses Verhalten kann das System weiter überfordern.
Nicht, weil jemand zu wenig motiviert wäre.
Sondern weil die Belastungsgrenze biologisch nicht mehr dort liegt,
wo sie früher war.
Warum es nicht um völlige Vermeidung geht
Wichtig ist:
Es geht nicht darum, dass jede Bewegung grundsätzlich schädlich wäre.
Das Problem ist meist nicht Aktivität selbst – sondern Überforderung.
Zu viel. Zu schnell. Zu unvorhersehbar.
Viele Betroffene brauchen deshalb keine klassische Steigerungslogik –
sondern zuerst Stabilität und Regulation.
Warum Pacing oft sinnvoller ist als Steigerung
Genau hier setzt Pacing an.
Nicht mit dem Ziel, immer mehr leisten zu können.
Sondern mit dem Versuch, Belastung besser einzuschätzen
und weitere Überforderung zu vermeiden.
Es geht darum, dem Nervensystem mehr Sicherheit zu geben.
Nicht aus Angst vor Bewegung – sondern weil Stabilität
oft die Voraussetzung dafür ist, dass überhaupt wieder Spielraum entstehen kann.
Was sich verändert, wenn man das versteht
Für viele Betroffene ist das Verständnis von Belastungsintoleranz ein Wendepunkt.
Nicht, weil plötzlich alles leichter wird.
Sondern weil Selbstvorwürfe weniger werden.
Der Körper wirkt dann nicht mehr „faul“ oder „unmotiviert“ –
sondern überfordert.
Und genau daraus kann ein anderer Umgang entstehen.
Weniger Kampf. Weniger Übersteuerung.
Mehr Ehrlichkeit gegenüber den eigenen Grenzen.
Und manchmal auch – etwas mehr Ruhe im eigenen System.
Kurz zusammengefasst (für Tage mit wenig Energie)
- Aktivierung hilft bei vielen Erkrankungen – bei ME/CFS kann sie jedoch schaden.
- Ursache ist häufig PEM (Belastungsintoleranz).
- Schon geringe Belastung kann zu deutlicher Verschlechterung führen.
- Die Reaktion tritt oft zeitverzögert auf.
- Stabilisierung und Pacing sind häufig sinnvoller als klassische Steigerungslogik.
Wenn du die Zusammenhänge besser verstehen möchtest:
- PEM verstehen
- Pacing verstehen
- Push-Crash-Zyklus verstehen
- Mitochondrien verstehen
- Nervensystem und Dauerstress verstehen
Hinweis
Dieser Beitrag basiert auf meiner persönlichen Erfahrung und dient der Information.
Er ersetzt keine medizinische Beratung.
