Mitochondrien verstehen: Warum bei ME/CFS und PEM Energie unter Belastung fehlt
Mitochondrien sind für die Energieproduktion in den Zellen verantwortlich.
Bei ME/CFS und PEM ist diese Energieverarbeitung gestört –
besonders unter Belastung.
Im Zusammenhang mit Post Covid, ME/CFS und PEM
fällt ein Begriff immer wieder:
Mitochondrien.
Oft verkürzt als „Kraftwerke der Zellen“ beschrieben, werden sie schnell zum Erklärungsmodell für Erschöpfung, Leistungseinbruch und Belastungsintoleranz. Gleichzeitig kursieren viele vereinfachte oder irreführende Aussagen.
Dieser Beitrag soll einordnen:
Was Mitochondrien tatsächlich tun, welche Rolle sie bei ME/CFS und PEM spielen – und was man heute weiß, ohne mehr zu versprechen, als die Forschung hergibt.
Was Mitochondrien im Körper leisten
Mitochondrien sind Zellorganellen, die für die Energieproduktion verantwortlich sind.
Sie stellen Adenosintriphosphat (ATP) her – den Energieträger, den Zellen für nahezu alle Funktionen benötigen.
Ohne ausreichend ATP sind grundlegende Prozesse nicht möglich, etwa:
- Muskelarbeit und Bewegung
- Reizweiterleitung im Nervensystem
- Denk- und Konzentrationsleistung
- Immunreaktionen
- Zellreparatur und Regeneration
Besonders energieabhängig sind daher:
- Nerven- und Gehirnzellen
- Muskelzellen
- Herzmuskelzellen
- Zellen des Immunsystems
Der Zusammenhang zwischen Mitochondrien und ME/CFS
Aktuelle Forschung geht davon aus, dass ME/CFS keine klassische
strukturelle Mitochondrienerkrankung ist.
Das bedeutet:
- Die Mitochondrien sind nicht zerstört
- ihre Anzahl ist nicht zwingend reduziert
Stattdessen zeigen sich funktionelle Störungen der Energieverwertung,
vor allem unter Belastung.
Vereinfacht gesagt:
Die Energie kann nicht mehr zuverlässig bereitgestellt werden,
wenn sie gebraucht wird. ME/CFS wird daher heute als
systemische Erkrankung mit gestörtem Energiestoffwechsel verstanden.
PEM als Ausdruck gestörter Energieverarbeitung
PEM (Post-Exertional Malaise) gilt als zentrales Leitsymptom von ME/CFS –
und als stärkster klinischer Hinweis auf eine mitochondriale Beteiligung.
Typisch für PEM sind:
- deutliche Verschlechterung nach körperlicher, geistiger oder emotionaler Belastung
- zeitlich verzögerter Beginn (Stunden bis Tage)
- eine Reaktion, die nicht im Verhältnis zur Belastung steht
- lange Erholungs- und Regenerationszeiten
Medizinisch wird PEM interpretiert als:
Eine fehlangepasste Reaktion des zellulären Energiestoffwechsels auf Belastung.
Das bedeutet:
Belastung überfordert die Energiebereitstellung auf Zellebene –
der Körper schaltet in einen Schutzmodus.
Was bei ME/CFS auf Zellebene gestört ist
Bei ME/CFS betrifft die Störung nicht die Existenz der Mitochondrien,
sondern ihre Funktion unter Belastung.
Beobachtet werden unter anderem:
- eine reduzierte ATP-Produktion bei Anforderung
- eine gestörte Nutzung von Sauerstoff
- ein frühzeitiger Wechsel in ineffiziente Notfall-Stoffwechselwege
- eine verlangsamte Zellregeneration
Der Körper reagiert schneller mit Rückzug, um weiteren Schaden zu vermeiden.
Das erklärt, warum Aktivität nicht aufbaut, sondern verschlechtern kann.
Warum mehrere Körpersysteme beteiligt sind
Die mitochondriale Dysfunktion steht nicht isoliert,
sondern im Zusammenspiel mit mehreren Körpersystemen, darunter:
- das Nervensystem (autonome Dysregulation, Dauerstress)
- das Immunsystem (chronische Entzündungssignale)
- die Gefäß- und Sauerstoffregulation
- die allgemeine Stoffwechselsteuerung
Deshalb wird ME/CFS heute als multisystemische Erkrankung verstanden –
und nicht als lokales Problem einzelner Organe.
Was die Forschung derzeit nicht erklären kann
Für einen seriösen Umgang ist wichtig, klar zu benennen,
was derzeit nicht gesichert ist:
- Es gibt keinen einzelnen Biomarker
- keine einfache Blutuntersuchung
- keine einheitliche Ursache
Die Forschung ist aktiv, aber noch nicht abgeschlossen.
Vereinfachte Erklärungen oder universelle Lösungen
werden der Komplexität der Erkrankung nicht gerecht.
Was man heute gesichert sagen kann
Trotz offener Fragen lassen sich einige Punkte klar festhalten:
- Mitochondrien spielen bei ME/CFS eine zentrale Rolle
- PEM ist Ausdruck einer gestörten Energieverarbeitung
- Verschlechterungen entstehen nicht aus psychischen Gründen, sondern biologisch
- Schonung, Pacing und Regulation sind medizinisch begründet – nicht Ausdruck von Passivität
Eine treffende Zusammenfassung lautet:
Bei ME/CFS sind die Mitochondrien nicht zerstört, sondern durch eine komplexe Fehlregulation daran gehindert, unter Belastung ausreichend Energie bereitzustellen.
Warum diese Einordnung den Umgang verändert
Das Verständnis der mitochondrialen Beteiligung verändert den Blick
auf die Erkrankung:
- Weg von Schuld und Selbstvorwürfen
- weg von Aktivierungslogik um jeden Preis
- hin zu einem realistischen, schützenden Umgang mit Energie
Es erklärt, warum „mehr tun“ nicht hilft – und warum Stabilität
oft wichtiger ist als Fortschritt.
Kurz zusammengefasst (für Tage mit wenig Energie)
- Mitochondrien sind für die Energieversorgung der Zellen zuständig.
- Bei ME/CFS ist nicht ihre Existenz, sondern ihre Funktion unter Belastung gestört.
- PEM ist ein Ausdruck dieser gestörten Energieverarbeitung.
- Der Körper schaltet früh in einen Schutzmodus.
- ME/CFS ist eine multisystemische Erkrankung – keine psychische Erschöpfung.
- Pacing und Regulation sind biologisch sinnvoll und medizinisch begründet.
Wenn du die Zusammenhänge besser verstehen möchtest:
Hinweis
Dieser Beitrag basiert auf meiner persönlichen Erfahrung und dient der Information.
Er ersetzt keine medizinische Beratung.
